Wie schrieben die Germanen?
Die ersten entdeckten germanischen Schriftzeichen, Runen genannt, stammen aus dem 2. oder 3. Jahrhundert nach Christus. Das Wort Rune kommt von "raunen"; die Schriftzeichen waren ursprünglich Heilzeichen und sollten magische Kräfte verleihen. Die Zeichen wurden in Holz geritzt, woran das englische Wort für schreiben, to write, heute noch erinnert. Auch das deutsche Wort "Buchstabe" stammt aus dieser Zeit, denn die Runen wurden häufig in Buchenstäbe geritzt.
Es gab 24 verschiedene Runen. Die ersten 6 Buchstaben hatten auch als einzelne Zeichen einen Wortsinn: f - Vieh; u - Ur (Auerochse); th - Riese; a - Ase (Gott); r - Ritt (Wagen); k - Krankheit/Geschwür

f u th*
a r k g w h n
i j p y R s
t b e m l ng d o
*entspricht dem englischen th (z.B. thing)
Die Runen stammen wahrscheinlich aus dem etruskischen Alphabet. Sie wurden hauptsächlich auf Speerspitzen, Schildbuckel, auf Fibeln und auf Kämme geschrieben. Oft sind Personennamen eingeritzt, aber ob der Hersteller oder der Besitzer genannt wird, ist nicht bekannt. Manchmal sieht man auf Lanzenspitzen Inschriften wie "Brüller", "Der in die Flucht schlägt" oder "Der zum Ziele geht".
![]() Das Goldhorn von Gallehus (mit aufgeklappter Rückseite)
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Durch die Runen können wir uns heute vorstellen, wie die germanische Sprache
geklungen hat. Auf einem Lanzenschaft fand man eine Inschrift, die auf deutsch
heißt: "Ich, der Eruler, des Ansgisl Genosse heisse. Ich gebe Glück.
Lauthallendes Verderben weihe ich auf dem Speer." In unser Alphabet
übertragen liest sich diese Inschrift so: "ek erilaz asugisalas muha haita
ga ga ga gihu gahelija wiju bi g." Auf einem der beiden Hörner von
Gallehus stand: "ek hlewagastiR horna tawido" = "Ich,
Leugast (Gast des Ruhmes) aus Holt, machte ("tat") das
Horn."
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Das gotische Vaterunser (um 350 n. Chr.)
Atta unsar thu in
himinam, |
Vater unser du in Himmeln, heilig werde Name dein. Komme Volksreich deins. Werde Wille deiner, gleichwie im Himmel auch auf der Erde. Brot unseres das tägliche gib uns (an) diesem Tage. Und erlass uns, dass Schuldige wir seien, gleichwie auch wir erlassen den Schuldnern unsern. und nicht bringest du uns in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen; denn deines ist Königshaus und Macht und Herrlichkeit in Ewigkeiten. Amen. |
Quellen: Reichardt, Hans, Die Germanen (Was ist was Bd. 66), Nürnberg 1978, S. 26 / P. C. Tacitus, Germania, Teil 2: Arbeitskommentar und Zweittexte, bearbeitet von M.-W. Schulz, Stuttgart 1995, S. 38/39