Expressionismus - Aufbruch in die Moderne:
Ein
fachübergreifendes Projekt in der Oberstufe

Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geht in der westlichen Welt mit einer großen Zahl von revolutionären Veränderungen auf vielen Gebieten der Gesellschaft, der Kultur und der Wissenschaften einher, so dass es nicht übertrieben erscheint, von einer Zeitenwende zu sprechen, wie sie sich in der abendländischen Kultur seit der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit (um 1500) nicht mehr ereignet hat.

Geprägt ist diese Epoche vor allem durch den radikalen Wandel im Leben der Menschen. Die Großstädte, im 19. Jahrhundert meist noch überschaubare Einheiten, wachsen innerhalb weniger Jahre zu riesigen Metropolen mit einer nach Millionen zählenden Bevölkerung heran. Ähnlich rasch entwickeln sich Verkehr (Eisenbahn, Autos), Nachrichtenübermittlung (Telegrafie, Telefon) und Medien (Kino). Im Bewusstsein der Zeitgenossen hinterlässt diese zunehmende Beschleunigung des Lebens tiefgreifende Spuren: Die Stimmung der Menschen schwankt zwischen grenzenlosem Fortschrittsoptimismus und tiefgreifenden Zweifeln in Bezug auf den Sinn dieser Veränderungen. Die Folge dieser Zerrissenheit sind  zunehmende Hektik und ein zum Teil blinder Aktionismus, die sich auch in der Kunst und der Literatur niederschlagen. 

Ludwig Meidner: Brennend


Ihren unmittelbaren Ausdruck finden diese Widersprüche in der Gestalt des Deutschen Kaiserreichs. Einerseits entwickelt sich Deutschland unter der Herrschaft der Hohenzollern zum modernsten Industriestaat Europas, andererseits hält man gerade in Deutschland an traditionellen Formen der Herrschaft und Repräsentation fest. Die Anfänge eines modernen Sozial- und Interventionsstaates, der sich mit wechselndem Erfolg um die Lösung der drängenden sozialen Probleme bemüht, treffen so unvermittelt auf die für heutige Betrachter oft bizarr anmutende Selbstdarstellung des ,,Persönlichen Regiments“ Kaiser Wilhelms II. Die stetig wachsenden Spannungen zwischen diesen Polen – soziale Herausforderungen auf der einen, bürgerliches und adliges Standesdenken auf der anderen Seite- führen schließlich zu jener zunehmenden Unruhe in der deutschen und europäischen Außenpolitik, die schließlich in den Ersten Weltkrieg münden sollte.

Einkreisung oder Flucht in den Krieg? Deutschlands außenpolitische Lage vor dem Kriegsausbruch 1914


Hektisches Straßenleben in Berlin (Potsdamer Platz) um 1913

Dieser alle Bereiche umfassende Umbruch in Kultur, Politik und Gesellschaft lässt diese Epoche besonders geeignet für ein von den neuen Oberstufenrichtlinien gefordertes fachübergreifendes Unterrichtsvorhaben der Fächer Deutsch, Geschichte und Kunst erscheinen. Grundidee des Projektes ist dabei, dass zunächst in einer ersten Phase das Thema im ,,herkömmlichen" Unterricht behandelt wird, um die für die weitere Arbeit notwendigen Grundlagen zu legen. Leitfach soll hierbei Deutsch sein, das diese Thematik in einer Unterrichtsreihe zum Thema Literatur des Expressionismus behandelt und das zum Teil auf Ergebnisse anderer Fächer angewiesen ist.


Im Anschluss sollen in einer zweiten, projektorientierten Phase weitere Aspekte dieses Themas erarbeitet werden, wobei eine kursübergreifende Präsentation der erzielten Ergebnisse in geeigneter Form erfolgen soll. Erste, positive Erfahrungen mit diesem Projekt wurden bereits im letzten Schuljahr gesammelt, wobei sich allerdings teilweise auch Probleme und Grenzen fachübergreifenden Arbeitens in der Oberstufe zeigten. Insgesamt war die Resonanz der Beteiligten aber durchaus positiv, so dass geplant ist, das ,,Expressionismus - Projekt" in den kommenden Schuljahren erneut durchzuführen.

Motto-Gedicht des Expressionismus: 


Jakob van Hoddis: Weltende


Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut

In allen Lüften hallt es wie Geschrei

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei

Und an den Küsten -liest man- steigt die Flut.


Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von denBrücken.


Konzeption: Rainer Sroka
Text und Gestaltung: Jürgen Möller
Überarbeitung: Eva Nicolin-Sroka




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