Uruguay – unbekannt, urig, unterschätzt |
|
|
Uruguay. Als mein Blick dieses Wort das erste Mal auf meiner Auslandsaufenthaltsbestätigung erfasste, wurde mir deutlich, dass bis zu diesem Tag es wirklich nur ein Begriff gewesen war. Doch mit der Zeit ändert sich die Bedeutung eines Begriffes in den Augen des Betrachters, der sich lange genug damit befasst. Es kristallisiert sich in dem Meer der Ausdrücke heraus, gewinnt an Bedeutung und wird sozusagen lebendig mit all den Erfahrungen, die in Verbindung gesetzt werden. Und Erfahrungen, die habe ich in meinem Jahr unzählige gewonnen. Ja, dieses Jahr kann ich wirklich als Gewinn betrachten, denn was ich dort drüben gelernt, gesehen und erlebt habe, hätte ich hier nicht haben können. Es sind einzigartige und es sind meine eigenen Erfahrungen. |
|
|
Aber jetzt erst einmal einen Schritt zurück. Uruguay. Das Land mit den 3 „u“s im Namen. Etwa halb so groß wie Deutschland. Aber nur mit insgesamt 3 Millionen Einwohnern. Die Hälfte davon lebend in Montevideo, der Hauptstadt und dem Knotenpunkt des Landes. Denn alles ist auf sie zugeschnitten, man kann das Land auch gut in zwei Teile aufteilen - Montevideo und „el interior“ (das Landesinnere) – und es als zwei verschiedene Welten betrachten. |
|
|
Montevideo: Buenos Aires – nur kleiner, wie es oft gesagt wird. Pulsierende Hafenstadt. Buntgemischte Menschenmassen. Studenten in allen Ecken – denn wer in Uruguay den Schulabschluss macht und anschließend auf die Universität gehen möchte, dem bleiben nicht viel mehr Möglichkeiten, als in die Hauptstadt zu ziehen. Der Tango – Carlos Gardel ist nämlich (auch wenn sich viele irren und ihn als Argentinier bezeichnen) gebürtiger Uruguayo. |
|
|
Irgendwie Großstadtleben eben. Dann das Meer. Die Küste, die sich die gesamte uruguayische Ostseite bis nach Brasilien hinzieht. Punta del Este – die Bademetropole Südamerikas schlechthin. Doch der Rest kleine Orte, langgezogene, einsame Strände, Hippiedörfchen und Entspannung pur. Auch die Palmenwälder nicht zu vergessen – besonders schön im Sonnenuntergang. |
|
|
Ja, und dann das Landesinnere: Kleine Städte, viele Dörfer, weite Felder. Hier herrscht die Landwirtschaft. Rinder- und Pferdezucht vor allem. Das beste Steak stammt eben doch nicht aus Argentinien, sonder aus Uruguay. Gauchos, die Cowboys Südamerikas. Jeden Tag sehe ich sie an unserem Haus vorbeigaloppieren. Auch Vater mit Sohn, vielleicht gerade 5, 6 Jahre alt, perfekt ohne Sattel auf dem Pferd sitzend. |
|
|
Mein Zuhause: Ein Bauernhof, wie man ihn hierzulande nicht mehr findet. 4 Hektar Land – nicht viel für Uruguay, aber immerhin. Und meine Gastmutter, eine ganz liebe, ist diejenige, die alles managt und am kräftigsten anpackt. Gemüseanbau. Schweinezucht. Schafe. Hühner, Enten,… Geflügel eben. 6 Hunde. 2 Katzen. Und im Sommer kann man noch die unzähligen Spinnen und auch die ein oder andere Schlange dazuzählen. |
|
|
Ein ruhiges, gemütliches Leben auf dem Lande. Das ist Uruguay. Die Ruhe. Bloß nichts überstürzen. Langsam angehen lassen. Auch die Unpünktlichkeit, die gehört dazu. Denn im Gegensatz zu Deutschland ist es in Uruguay nicht unhöflich, zu spät zu kommen, sondern unhöflich, die Tätigkeit (das Gespräch mit dem Nachbarn, den Schwatz im Supermarkt und Ähnliches) abrupt abzubrechen. Und das läuft eben auf Unpünktlichkeit hinaus. 1, 2 Stunden Verspätung sollte man schon einrechnen. Und irgendwie ist auch gerade das das Schöne. Die Unkompliziertheit. Die Gelassenheit. Die Offenheit. Die Ruhe. Ja, die Mentalität des Südamerikaners eben. |
|
|
Und dann können Fragen aufkommen: Und was hat dir dein Jahr gebracht? Schulisch ja doch nicht so viel, oder? Und warum überhaupt in so ein Land, wo es doch so viele andere Möglichkeiten gibt. USA zum Beispiel, das Land der verwirklichten Träume. Was wolltest du ausgerechnet DA? |
|
![]() |
Gut, für meine zwei gebliebenen Schuljahre hat mir der Unterricht in Uruguay nun wahrlich nicht direkt geholfen. Aber darum geht es meiner Meinung nach auch in einem Schüleraustausch nicht. Wenn du dich dazu entschließt, das 11. Schuljahr nicht in Deutschland zu verbringen, dann sollte dir von vornherein deutlich sein, dass der Unterricht in deinem Gastland nicht derselbe wie hier sein wird. Du musst deine Ansprüche ändern. Dich anzupassen wissen. Und es schaffen dich abzusetzen. Und zu leben, was du leben möchtest - und nicht nur, was andere von dir erwarten. |
|
Ein Austauschjahr ist immer individuell. Jeder erlebt das seine einzigartig. Und mein Wunsch war es, etwas Neues, vollkommen Unbekanntes zu entdecken. So etwas wie ein winzig kleines Land in Südamerika, von dem ich vorher bewusst noch nie wirklich gehört hatte. Und an das ich jetzt mein Herz verloren habe. |
|
|
|
|
| Text und Fotos: Marit Haferkamp Gestaltung: Jonas Oberkirch |
|