Ein Aufenthalt in Mexiko einer etwas anderen Art: Praktikum in der Institution Kolping Centro de Capacitaciòn

Dies ist kein Bericht über ein komplettes Jahr im Ausland, lediglich ein Abriss über vier viel zu schnell vergangenen Wochen. Mein Bruder Thomas hat nach seinem Abitur 2004 seinen Zivildienst in Mexiko – Tuxtla Gutierrez – angetreten. Nach einigen Telefongesprächen und ausgelöst durch die Faszination der Erzählungen von Thomas kamen wir gemeinsam auf die Idee, dass ich doch nach Mexiko kommen könnte, um dort ein Praktikum zu absolvieren. Alle waren von der Idee begeistert und die Vorfreude stieg ins Unermessliche.

Als ich dann am 4. März 2005 von meinem Vater nachts nach Düsseldorf zum Flughafen gebracht wurde, kam zu der Vorfreude einwenig Angst hinzu. Es stand ein langer Flug mit einer Zwischenübernachtung in der Hauptstadt Mexikos vor mir und ich war nur auf mich allein gestellt. Nach 11 Stunden kam ich endlich in Mexiko-Stadt an. Am nächsten Morgen ging es dann endlich weitere 1000 km in den Süden des Landes von Mexiko zu meinem Bruder. Die Region Chiapas mit der Hauptstadt Tuxtla Gutierrez gilt als ärmstes Gebiet in ganz Mexiko und grenzt an Guatemala. Als ich aus dem Flugzeug stieg, kam mir eine Hitzewand entgegen. Den Unterschied von –5 Grad in Deutschland, auf gut 32 Grad in Tuxtla, bekam ich vom Kreislauf doch ordentlich zu spüren. Wir fuhren zu dem „neuen“ zu Hause von Thomas und nach kurzem Auspacken ging es gleich los ins Zentrum, damit ich einen Eindruck über sein dortiges Leben bekam. Schon am ersten Tag wurde mir bewusst, dass dieses Land doch ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Es ist wunderschön, doch leider hat Mexiko auch zwei Seiten. Es gibt die wohlhabenden Familien, deren Lebensstandart mit einem  durchschnittlichen Europäer zu vergleichen ist; es gibt nur leider auch ganz viel Armut. Die Leute jedoch sind, egal welchem Status sie angehören, zufriedene, glückliche und aufgeschlossene Menschen. Sie zeigten alle großes Interesse und waren immer auf ein Gespräch aus, was allerdings doch zu Anfang auf Spanisch schwierig war. Trotz meines 2,5-monatigen Aufenthaltes in Chile (Sommer 2004) waren es wieder neue Vokabeln, die man in keinem Lexikon finden kann.

Nach meinem ersten Eingewöhnungstag, an dem ich schon viele nette Leute kennen gelernt hatte, ging es dann montags das erste mal an die Arbeit. Zu der recht humanen Zeit mussten wir um 10 Uhr am Centro de Capacitación sein. Das Centro ist ein Bildungszentrum von Kolping, in dem die Schüler aller Altersklassen eine kostenlose Bildung geboten bekommen. Nachdem ich meiner  Chefin vorgestellt wurde, konnte ich mir einen eigenen Eindruck der Institution machen. Alle Lehrer bzw. Schüler sprachen mich an, und ich konnte an der morgendlichen Hausaufgabenbetreuung teilnehmen. Von 14:00 Uhr bis 16:00 Uhr war die Mittagspause, von der wir allerdings nicht so viel hatten, weil allein eine Stunde für den Hin- und Rückweg benötigt wurde. Die Colectivos, mit denen man für einen Fahrpreis von umgerechnet 30 Cent fahren kann, waren gewöhnungsbedürftig. Sie fahren alle 3 Minuten und man kann eigentlich überall ein- und aussteigen. Man muss sie sich so wie einen normalen Bulli vorstellen, bei dem die Sitze herausmontiert und gegen 2 Bänke ausgetauscht wurden. Zu den Hauptverkehrszeiten kam es dann schon mal vor, dass man zu 20 Leuten gequetscht und gestapelt in den Bullies saß.

Armut und Reichtum liegen dicht beieinander:
Das Bankenviertel 

Um 16:00 Uhr begann dann der zweite Teil des langen Arbeitstages. Ich bekam vom ersten Tag an eine eigene Klasse zugewiesen, in der ich Grundschulkindern im Alter von 6-12 Jahren Basiswissen (Lesen, Schreiben, Rechnen) beibringen musste. Die Schwierigkeit lag darin, dass die Schüler mit unterschiedlichem Bildungsstand die Schule aufsuchten und somit nicht mit gleichen Aufgaben zu betreuen waren. Es machte mir dennoch sehr viel Spaß, weil das Interesse und der Wille der Kinder, etwas zu lernen, deutlich spürbar war. Die Unterrichtszeit betrug täglich 3 Stunden. Die Schüler blieben aber oft auch noch länger, um auch die gestellten Aufgaben komplett zu erledigen. Ein normaler Arbeitstag endete um 20:00 Uhr, aber da wir die Verantwortung für das Gebäude hatten, kam es auch oft vor, dass wir erst gegen 21:00 Uhr den Heimweg antreten konnten.

Glückliche Kinder: Eine Feier im Centro de Capacitación

Um Werbung für das Centro de Capacitación zu machen, fuhren Thomas und ich mit den zuvor auf dem Wagen installierten Lautsprecherboxen durch die Straßen und gaben entsprechende Ansagen. Sinn und Zweck der Aktion war es, hiermit die in Armut lebende Bevölkerung auf das Centro aufmerksam zu machen, um auch diesen vielen Kindern eine kostenlose Schulbildung bieten zu können. Diese Aktion war für das Centro mit nur sehr geringen Kosten verbunden und man konnte die danach anwaschenden Schülerzahlen deutlich erkennen. Meine weitere Aufgabe war es, im Büro der Chefin mitzuwirken. Arbeitsvorbereitung, das Ausfüllen von Anmeldeformularen und die Archivaufbereitung waren weitere Schwerpunkte des Tages. Anfallende Reparaturarbeiten und das Säubern wichtiger Bestandteile gehörten ebenfalls zu jedem Arbeitstag. Die Arbeit im Centro hat mir sehr viel Spaß gemacht. Es war immer anstrengend, was auch an der Hitze lag (im Durchschnitt 37 Grad), aber ich habe es nicht eine Minute bereut. Das Viertel, in dem das Centro de Capacitación steht, gehört zu den sehr armen Teilen der Stadt. Für den Anblick der Armut, die ich in dem Ausmaß noch nie zuvor gesehen habe, habe ich einige Tage gebraucht, um alles zu verarbeiten. So habe ich z.B. auf der Tour mit den Lautsprecherboxen Häuser gesehen, die noch nicht einmal Strom und Wasser hatten. Die Wände waren aus den verschiedensten Materialen zusammengesetzt, und der Zaun war teilweise nur das Innenleben einer abgebrannten Federkernmatratze.

Nicht mit Deutschland zu vergleichen: Eine Straße in einem Elendsviertel 


Die Straßen, die wir fuhren, kann man nicht mit normalen Straßen aus Deutschland vergleichen. Es sind vielmehr „Wege“, die aus Tausenden von Schlaglöchern bestehen und die man daher nur mit einem Geländewagen befahren kann. Eine halbe Stunde von dem Viertel entfernt, befand man sich dann wieder mitten im Zentrum der Stadt, in der auch luxuriöse Häuser zu finden sind. Gerade die völlig anderen Lebensbedingungen, sowohl die ständige Sprachanwendung in Spanisch, als auch die unterschiedlichen Mentalitäten der Mexikaner prägten meine vier Wochen in Mexiko. Das Erlebte kann ich mir in der Art und dem Umfang in Deutschland nicht vorstellen. Es ist keineswegs vergleichbar mit einem touristischen Urlaub, jedoch deutlich wertvoller.

Bildergalerie

Text und Bilder: Carina Eikel


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