Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten...!? |
Ein Bericht von Carina Weimann, Jgst. 12
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Das dachte ich als ich am 28.08.02, naiv wie ich
war, mein Austauschjahr in den USA (MA) antrat. Mit vielen Erwartungen,
Hoffnungen und Zielen, aber mindestens genau soviel Angst vor dem was
mich im kommenden Jahr erwarten würde, stieg ich nun also in den
Flieger Richtung Massachusetts, Fall River, einer 90.000 Einwohner Stadt
am Atlantik gelegen, eine halbe Stunden von Boston entfernt.
Falls man mein Umfeld ganz pauschal zusammenfassen
will, setzte es sich aus meiner Gastfamilie, der Kirche und der Schule
zusammen.
Meine Gastfamilie bestand in den ersten 4 ½ Monaten aus meiner Gastmutter und Ngoc, einer Austauschschülerin aus
Vietnam.
Das Haus, in dem wir lebten, war von innen sehr schmuddelig und stand voller
Puppen, an die man sich erst mal gewöhnen musste, da man sich die ganze Zeit beobachtet fühlte.
Aber wie ich in diesem Jahr feststellte, man gewöhnt
sich an vieles...
Mit meiner Gastmutter gab es immer wieder Probleme,
da sie es nicht gewohnt war, mit anderen Leuten zusammen zu wohnen und
außerdem ganz andere Ansichten und Erwartungen vom Leben hatte als ich.
Aber mit viel Toleranz und Eingeständnissen beiderseits ist es uns
gelungen, ohne große Schwierigkeiten ein Jahr miteinander zu leben und
auch Spaß miteinander zu haben. Aufgrund dieser Situation war ich sehr
dankbar, in den ersten Monaten eine andere Austauschschülerin als
Gastschwester zu haben, die in der gleichen Situation war und mich
verstand. Ngoc hatte ganz andere Wertvorstellungen und Ansichten als ich
sie habe und ich bin mir sicher, dass wir uns beide unter normalen Umständen
wenig zu sagen gehabt hätten. Aber so war sie in den 4 Monaten eine
richtige kleine Schwester (sie war ein Jahr jünger als ich) geworden
und ist mir ans Herz gewachsen.
Leider wechselte sie nach Weihnachten die
Gastfamilie, da die Differenzen zwischen ihr und unserer Gastmutter zu
groß wurden, unter anderem auch aufgrund ihrer verschiedenen
Religionen.
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In Amerika hat Kirche noch eine ganz andere
Bedeutung als hier und es gibt auch eine Vielzahl verschiedener
Religionen. Meine Gastmutter gehört den sogenannten Christen „Assembly
of God“, einer Missionskirche an.
Vor Amerika zählte ich zu den Christen nur Katholiken und Protestanten.
Diese Religion war dagegen den Baptisten ähnlich.
Wie dem auch sei, als ich das erste mal hinging,
war ich begeistert. Kirche machte richtig Spaß. Es wurde viel gesungen
und Leute tanzten begeistert mit. Mit der Zeit begann ich das ganze
allerdings sehr kritisch zu betrachten, denn manche Dinge kamen mir
schon sehr fragwürdig und sektenähnlich vor.
Für meine Gastmutter bedeutete diese Kirche alles.
Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie sie reagiert hätte, hätte
ich meine Zweifel an diesem Glauben laut ausgesprochen....
Im Laufe des Jahres wurde immer stärker versucht,
mir diese Religion schmackhaft zu machen. Es ging sogar soweit, dass sie
mir eines Tages mitteilte, sie hätte im Internet recherchiert und
herausgefunden, dass wir eine Kirche dieser Glaubensrichtung auch in
Deutschland hätten. Da könne ich dann ja ab und zu mal hingehen...
Im Nachhinein ist mir bewusst, dass die allgemeinen
sowie die religiösen Differenzen mit meiner Gastmutter ein Grund
gewesen wären, die Familie zu wechseln. In den Monaten vor Ort war mir
dies nicht so deutlich.
Ob ich es bereue nicht gewechselt zu haben?
Manchmal wünsche ich mir, ich hätte es getan, vor
allem dann, wenn ich andere Austauschschüler von ihrem Jahr schwärmen höre,
in dem alles perfekt gewesen zu sein scheint. Aber andererseits denke
ich auch, dass ich dadurch viel gelernt habe. Es war wahrscheinlich
nicht der einfachere Weg; aber nein, ich bereue nicht, ihn gegangen zu
sein.
Der Grund, warum ich nie ernsthaft darüber
nachdachte auch die Gastfamilie zu wechseln, lag in der Schule.
Es dauerte gut 6 Monate bis ich endlich Freunde in
der Schule gefunden hatte und das wollte ich auf keinen Fall aufgeben.
Zumal ich in der Schule Gehör fand, wenn ich wieder mal nicht verstand,
warum meine Gastmutter in verschiedenen Situationen für mich so unverständlich
reagierte.
Ich ging, wie ca. 3500 andere Schüler auch, auf
die BMC Durfee High School.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass eine High
School nur die Jahrgangstufen 9-12 umfasst. Um auch wirklich jedem Schüler
genug Aufmerksamkeit zu schenken wurde die Schule alphabetisch in vier Sekretariate geteilt,
die dann für jeweils 800 Schüler zuständig waren.
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In MA gibt es bestimmte Vorgaben zur Fächerwahl.
So muss man innerhalb seiner High School Zeit eine bestimmte Anzahl von
Pflichtfächern belegt haben, ansonsten steht jedem die Fächerwahl
frei.
Da meine High School wie gesagt sehr groß war
bekam jeder neue Schüler ein etwa hundertseitiges Heftchen ausgehändigt,
aus dem er sich seine Wunschkurse raussuchen sollte, z.B. auch „Lifesaving“,
„Concert Band“, „TV-Production“ oder „Hairstyling“.
Während eines Halbjahres hat man nur 4 Fächer,
die aber 1 ½ Stunden täglich.
Nach der Schule wurden verschiedene
Sportveranstaltungen angeboten, wobei ich auch hier pro Saison zwischen
4 oder 5 Sportarten wählen konnte. Um in ein Team aufgenommen zu werden
mussten sich alle Anwärter erst in sogenannten „Try-Outs“ beweisen.
War man dann ins Team aufgenommen, hatte man von nun an 6 mal die Woche
3 Stunden Training.
Es wird zwar sehr darauf geachtet, dass sich dabei
keiner körperlich überanstrengt, aber es wird tagtäglich von Coach
und Team-mates erwartet, dass man an seine Grenzen geht.
Sind die Noten zu schlecht darf man in keinem
Sportteam sein. Das führte bei so manchen dazu, dass sie sich richtig um die Verbesserung der Schulleistungen bemühten,
um an diesem Teamgeist in den einzelnen Teams teilhaben zu dürfen.
Eine große Schule hat viele Vorteile, aber auch
Nachteile. Ein ganz großer Nachteil für mich war, dass ich „total
darin unter ging“. Es interessierte niemanden, dass da eine
Austauschschülerin war. Warum auch, sie selbst kamen doch schon aus den
unterschiedlichsten Kulturen, da war ich nichts Besonderes. Das machte
mir den Anfang sehr schwer und es dauerte gut 6 Monate, bis ich endlich
Anschluss gefunden hatte, obwohl ich von vornherein immer im Sport aktiv
war.
Unterstützung fand ich in den ersten sechs Monaten
vor allem auch bei dem für mich zuständigen stellvertretenden
Direktor, wie auch den Lehrern. Nicht nur für mich sondern auch für
andere Schüler hatten sie immer ein offenes Ohr. So hatte ich als Schülerin
das Gefühl wirklich ernst genommen zu werden.
Das habe ich in Amerika sehr zu schätzen gelernt.
Dort wird jeder wegen seiner Person geschätzt und geachtet und nicht im
geringsten aufgrund seiner Noten. Um Schüler mit besonders guten Noten
auszuzeichnen gibt es die sogenannte „National Honor Society“, in
der diese dann aufgenommen wurden, wobei es sich dabei nicht um Streber
handelte. Man wirft den Amerikanern oft vor oberflächlich zu sein. Ich
möchte es anders ausdrücken: Viele Amerikaner sind einfach
freundlicher, lebenslustiger und sparen nicht mit Komplimenten.
In der Schule habe ich die meisten und auch viele
der schönsten Stunden meines Austauschjahres verbracht und ich weiß,
dass sich das für viele total widersprüchlich anhört, aber in den USA
bedeutete Schule für mich nicht lernen sondern nur Freude.
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Es ist unmöglich Eindrücke und Erfahrungen aus
einem Jahr auf 2 Seiten zusammenzufassen.
Je häufiger ich diesen Text lese, desto mehr Dinge
fallen mir ein die ich noch erzählen könnte.
Aber wer darüber nachdenkt, sich selbst einmal das
Abenteuer Ausland einzulassen, und noch Fragen hat, kann mir gerne
mailen: Carina.Weimann@web.de
Mittlerweile bin ich seit nunmehr 5 Monaten wieder
in Deutschland, was am Anfang wirklich nicht einfach war. Wie viele
andere Austauschschüler auch erwartete ich viel, als ich zurückkam. Zu viel!
In dem Jahr in Amerika erschienen mir die Dinge die
ich vermisste sehr viel „besser“ als sie dann wirklich waren, ohne
damit das Leben hier in irgendeiner Form abwerten zu wollen. Somit musste
ich am Anfang einige Enttäuschungen wegstecken. Dies wurde durch das
Wissen, auf der anderen Seite des Ozeans tolle Erfahrungen gemacht zu haben, natürlich
nicht einfacher, denn nun wird die Zeit dort hinten auf einmal überbewertet...
Mittlerweile ist das vorbei! Ich habe mich wieder
gut eingelebt und ich wache nicht mehr jeden Morgen mit dem Bedürfnis
auf, meine amerikanischen Freunde anzurufen und ein bisschen Englisch zu
sprechen. Aber es gibt immer noch Tage, an denen ich mir die Fotos aus
meinem Austauschjahr in meinem Zimmer angucke und wünschte, ich wäre
wieder dort.
Amerika ist nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Für mich war es als Austauschschüler für ein Jahr aber das Land, in
dem ich für diese Zeit frei von meinen hiesigen Pflichten und dem
Leistungsdruck war. Ich war in dem Sinne einfach nur frei.
Um abzuschließen:
Ich hatte mir eine Familie, wenn möglich mit einer
gleichaltrigen Gastschwester und eine kleine Schule gewünscht. Ich kam
zu einer alleinstehenden Dame und auf eine riesige Schule... ich weiß,
es ist nicht einfach, aber am Besten man hat keine Erwartungen. So kann
man sich die ersten Monate der Enttäuschung sparen und direkt anfangen,
Positives in den noch so negativ zu scheinenden Situationen sehen.
Hatte ich ein perfektes Jahr? Nein ganz bestimmt
nicht, aber mal ehrlich: Gibt es das überhaupt?
Ja sicher, es gibt Austauschschüler, die hatten
ein tolles Jahr und es gibt auch viele, die viel größere
Herausforderungen überwinden mussten als ich.
Es war anders, als ich es mir vorgestellt hatte.
Doch ich würde nicht eine Sekunde sagen, dass ich es bereue, dort
gewesen zu sein. Im Gegenteil: ich habe viel gelernt und möchte die
guten wie auch schlechten Zeiten auf keinen Fall missen.
Also, falls ihr gerne andere Kulturen kennen lernt - TRAUT EUCH.
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| geschrieben und erlebt von: Carina Weimann |
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| Schlussredaktion. Eva Nicolin-Sroka |
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