Leiterin des ARD-Studios Moskau im GSN

Korrespondentin Christina Nagel stellt sich den Fragen der Klasse 8c

Wann haben Schülerinnen und Schüler einer Mittelstufenklasse schon einmal die Gelegenheit, den Worten einer echten Auslandskorrespondentin in leitender Funktion in einem nicht einfachen Arbeitsgebiet in einem nicht einfachen Staat life zu lauschen?
Glücklichen Umständen ist es zuzuschreiben, dass die Klasse 8c in ihrem Deutschunterricht eine Fragestunde mit Christina Nagel, der Leiterin des ARD-Studios Moskau (Hörfunk), erhalten hat. Ein bisschen Wellness-Urlaub, ein bisschen Heimatluft im eher beschaulichen Ostwestfalen und vielleicht auch der Besuch ihrer alten Schule im Schlosspark tun Frau Nagel offensichtlich gut, um die hohe Taktfrequenz in ihrem Job in Moskau etwas zu senken. Aber immer wieder kehren ihre Gedanken zu ihrem Studio am Kutusovsky Prospekt zurück. Arbeitsethos, Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Mitarbeitern und ein kleines bisschen Sehnsucht dringen immer wieder durch.

Und trotzdem ist die welterfahrene Frau Nagel ganz bei der Sache, wenn die Schülerinnen und Schüler ihre vorbereiteten und spontanen Fragen stellen. Klar, präzise, freundlich kommt die ARD-Korrespondentin rüber. Der Beruf prägt.
Nach ihrer Unterrichtsreihe über das Zeitungswesen für die „Achter“ jetzt also Radio und auch ein wenig Fernsehen. Schließlich war Frau Nagel auch für den WDR in Bielefeld tätig. Gezielte Fragen zum Werdegang, zur konkreten Arbeit im Studio und vor Ort in Russland (seit 2007), zur Situation der Journalisten in Russland und zum Ehrenkodex eines Journalisten formulierten die Achtklässler, wohl noch etwas unwissend, wen sie da eigentlich vor sich haben. Das war klar: Hier war Eine aus dem öffentlichen Leben – authentisch, kommunikativ, kompetent, gründlich und zielstrebig, verliebt in den seit dem 15. Lebensjahr ersehnten und erstrebten Beruf.

Wie habe sie ihre Karriere angebahnt? Was habe sie studiert? Warum könne Sie so stilsicher („klar, aber nicht blumig“) formulieren? Wie lernt man so gut die russische Sprache? Geduldig stand die Vollblut-Journalistin Rede und Antwort.
Mit 15 Jahren erste kleine Artikel, dann das Schulpraktikum beim WDR, Abitur 1991, dann Studium von Politikwissenschaften, Slawistik, Publizistik, Rhetorik, viele Stationen als freie Mitarbeiterin, später fest angestellt beim WDR für die ARD. Über 50 Radiostationen im In- und Ausland versorgt sie mit Nachrichten, Kommentaren, Reportagen aus einem Territorium, das über Russland hinausgeht, zum Teil die ehemalige Sowjetunion umfasst.
Bei der Frage nach dem Highlight ihrer bisherigen Tätigkeit in Moskau kommt eine völlig unerwartete Antwort. Im Zusammenhang mit dem 20. Jahrestag der Atomreaktor-Explosion von Tschernobyl fuhr Frau Nagel mit ihrem Begleitteam in die Ukraine; dort wurde sie von einem armen alten nach Tschernobyl zurückgekehrten Ehepaar zum Essen nahe der Todeszone eingeladen – ungeachtet von verstrahlten Speisen und verseuchtem Wasser, ganz ohne Geigerzähler, der bestimmt vehement ausgeschlagen hätte. Aber die Gastfreundschaft und der Respekt vor den einfachen Leuten bewegten sie zum Bleiben.
Und noch etwas verblüfft einige: Eine Trainingswoche bei der Bundeswehr, um für alle gefahrvollen Situationen als Journalist in Krisengebieten gewappnet zu sein. Deutschlehrer Rainer Sroka erinnert sich noch gut an Frau Nagels ersten journalistischen Einsatz beim russisch-georgischen Krieg und ihrer Kriegsberichterstattung.
Und noch etwas überrascht: Bei aller mitunter geheimdienstlichen „Begleitung“ der ausländischen Journalisten fühlen sich diese und auch Christina Nagel recht frei in ihrer Berichterstattung. Die einheimischen Kollegen haben es da weitaus schwerer, ihr Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit wahrzunehmen.
Und ihre Pläne? In ein oder zwei Jahren zurück nach Deutschland, dann wieder als Korrespondentin ins Ausland, wohin auch immer. Aber eines Tages soll mehr Ruhe in ihr Leben einziehen, wann und wie auch immer.
30 Achtklässler in seinen Bann zu schlagen, ist nicht einfach. Frau Nagel ist das absolut gelungen. Selten wollte eine Klasse 8 eine Stunde lang so konzentriert fragen und zuhören.

Zur Biografie von Frau Nagel
 

Text: Rainer Sroka

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